Die alltägliche heteronormative sprachliche Exklusion – oder auch: Facebookinteraktion unter Akademiker*innen

Das generische Maskulinum ist sehr stark in der deutschen Sprache verwurzelt und für viele Nutzer*innen der Sprache auch der absolut erstrebenswerte Normalzustand. Warum sich mit unbequemen Worten wie Teilnehmenden oder Studierenden herumplagen, wenn doch ohnehin alle wissen, dass mit „Teilnehmer“ und „Studenten“ alle gemeint sind. Auch die Frauen. Doch was ist mit Frauen*? Oder Menschen die sich generell nicht in binäre heteronormative Sprachmuster pressen lassen wollen? Stein des Anstoßes für diesen Artikel ist eine Diskussion innerhalb einer Facebook-Gruppe in der sich studierende/studierte Akademiker*innen unterschiedlicher sprachwissenschaftlicher Studiengänge tummeln. Eine Teilnehmerin äusserte den Gedanken, dass es wünschenswert wäre, die der Gruppe zugehörige Website zu gendern. Neben einigem Zuspruch war die Qualität der Beiträge jedoch sehr heterogen (haha). Selbst Sprachwissenschaftler*innen, die sich dem Präskriptivismus (nicht wertende Beschreibung von Sprache und die Erkenntnis, dass Sprache stetigen Wandelprozessen unterliegt) zuordnen kamen mit dem bereits genannten Argument, dass ja klar wäre, dass alle gemeint sind. Ausserdem ist das Deutsche halt so. Des Weiteren seien gegenderte Texte ohnehin “unlesbar”. Dass solche Texte unlesbar sind, lässt sich bereits anhand von Studien widerlegen. Braun et al. (2007) testeten in einer Leseverständlichkeitstudie(1) die Lesbarkeit von gegenderten Texten (Binnen-I bzw. Neutralisierte Beidnennung) – überraschendes Ergebnis? Die Lesbarkeit wird dadurch NICHT verschlechtert. Einzig die männlichen Teilnehmenden (es wurden Frauen und Männer getestet) bewerteten die Textfassung mit dem generischen Maskulinum am besten, jedoch ohne, dass dies einen nachweisbar besseren Effekt auf das Textverständnis gehabt hätte.

Doch zurück zu der unfundierten Facebook-Diskussion. Der Gedanke Menschen in die Sprache zu inkludieren die sich nicht in binären Geschlechtskategorien wieder finden, liegt einigen Teilnehmenden scheinbar fern. Ein Teilnehmer geht sogar so weit folgendes Zitat von sich zu geben wenn du irgendwo dazugehören willst, pass dich halt an oder sorg dafür, dass du toleriert wirst.“. Des Weiteren führte der Schreiber an, dass alle sprachlichen “Probleme” sich ohnehin lösen ließen, wenn einfach alle mal ein wenig mehr Selbstbewusstsein hätten. Der Stärkere gewinnt also, wer sich nicht eingeschlossen fühlt hat einfach nur kein Ego. Weiterhin wird gefordert die (meiner Meinung nach) ignorante Meinung zu tolerieren, um toleriert zu werden “ wenn man sich selbst ständig als abgesondert darstellt “. Alleine die Nutzung von Begriffen wie “abgesondert” impliziert, wie stark Heteronormativität auch (oder vielleicht auch besonders) in akademischen Kontexten der geltende Standard ist. Ich, als Cis-Frau(2), sehe mich nicht als “abgesondert” an, nur weil ich kein Cis-Mann bin. Des Weiteren empfinde ich es als ausgesprochen herablassend generell auf nicht cis-männliche Menschen mit dem Wort “abgesondert” zu referieren.

Ich persönlich erwarte von keinem Menschen in meinem Umfeld, permanent jedes einzelne gesprochene Wort zu analysieren und zu überlegen was denn nun genau noch “erlaubt” ist. Ich wünsche mir einfach nur einen reflektierteren Umgang mit Sprache und vor allem der priviligierten Rolle von Sprechenden die sich ihrem biologischen Geschlecht zugehörig fühlen und sich auch vom generischen Maskulinum eingeschlossen fühlen. Enttäuschend finde ich nur, dass die pure Äusserung eines Wunsches (die Beitragsstellerin hatte nichtmal das Gendern eingefordert sondern primär einen Denkanstoss gegeben) nicht komplett sachlich behandelt werden kann, sondern mit Sprüchen die auf ein mangelndes Selbstbewusstsein abzielen die ganze Thematik komplett unreflektiert und nicht einem akademischen Diskurs würdig von einigen Teilnehmenden abgelehnt wurde. Wenn diese Personen jedoch in jeder Ebene ihres Lebens ähnlich engstirnig argumentieren und agieren – Tschüss, schönes Leben noch!

(1)Braun et Al. (2007). Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten, Psychologische Rundschau,58(3).Hofgrefe Verlag Göttingen

(2)als Cis-Frauen/Cis-Männer werden Menschen bezeichnet, deren biologisches Geschlecht auch mit dem selbstwahrgenommenen übereinstimmt.

(KS)

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