Brain Sex – Teil 1

Dies ist der erste Teil unserer Verschriftlichung zu unserem Vortrag vom 30.11.14. Wer Interesse an dem Vortrag hat, wir werden ihn vermutlich Mitte/Ende Januar noch mal an der HHU halten.

 

Das Geschlecht des Gehirns – Biologie, Medien, Sexismus

[Die Forschung bezieht sich bei ihren Begriffen von Mann und Frau auf das biologische Geschlecht und auf cis-Menschen, das ist daher für den Artikel übernommen worden. Da dieser sich auf diese Forschung bezieht, kann er daher nur mit den vorgegebenen Daten/Kategorien arbeiten, auch wenn diese zu hinterfragen sind.]

 

Wissenschaft findet nicht nur an Hochschulen statt. Auch die Medien haben ein Interesse daran über die Forschung zu berichten. Gerade wenn ein*e Wissenschaftler*in eine kleine Sensation belegen kann, sind die Medien zur Stelle, um auch Nicht-Wissenschaftler*innen an diesem Erfolg teilhaben zu lassen. Das geht natürlich besonders gut, wenn solche Studien belegen, was wir alle schon längst wussten: Zum Beispiel, dass Männer und Frauen einfach von anderen Planeten stammen müssen, sich niemals verständigen können und grundverschieden sind. Schließlich sind unsere Gehirne verschieden. Da haben wir also den Beweis. Sagt ja auch die Wissenschaft. Als ob.

Die Wissenschaft sagt: Mals sehen. Die Medien sagen: Ja, natürlich! Warum entsteht diese Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Medien? Ein Gehirn ist erst einmal kein statischer Apparat, der einmal aufgesetzt wird und dann in diesem Zustand bleibt. Man kann also nicht davon sprechen, dass ein Gehirn ein bestimmtes Geschlecht hat und den (bisher überhaupt erforschbaren und binären) Kategorien entsprechen muss. Ganz so einfach wie es sich die Medien und manche Wissenschaftler*innen machen, ist es in der Praxis dann nämlich nicht. Eine der liebsten Aussagen, wenn es um das Geschlecht des Gehirns geht, ist die Annahme, dass Frauen die linke Gehirnhälfte stärker nutzen, Männer die Rechte. Dabei verarbeitet die rechte Gehirnhälfte Informationen zu Raum und Systemen, während die linke Gehirnhälfte Worte und Emotionen verarbeitet. Ganz klar, das sind einige der liebsten Klischees zu Geschlechterrollen überhaupt.

Belegt wird dieser Unterschied dann vermeintlich mit der Größe bestimmter Hirnareale oder ihrer Nutzung. Diese Unterschiede sind von manchen Studien gefunden worden und diese sind auch in den Medien publiziert worden. Es gibt aber genauso Studien, die diese Unterschiede in Frage stellen und die Unterschiede innerhalb des weiblichen und innerhalb des männlichen Geschlechts betonen (Walter 2010:190f.). Die Essenz dieser Studien ist, dass es bisher noch keine Beweise für die Hypothesen gibt, aber die Medien sich bereits einig sind, dass diese Beweise existieren.

Eine Annahme, die von Walter angeführt wird, um zu zeigen, wie sehr Wissenschaft und Medien auseinanderliegen, ist die Größe des Corpus Callosum (oder auch Hirnbalken). Der Balken verbindet die beiden Gehirnhälften und ist für den Austausch von Informationen zwischen den Hemisphären zuständig. 1982 fand eine Studie, dass dieses Hirnareal (bzw. eine bestimmte Stelle in diesem Areal, das Splenium) bei Frauen größer ist als bei Männern, und dies mit der verstärkten Empathie bei Frauen zusammenhängen müsse, sowie mit ihren Multitasking-Fähigkeiten und ihrer Intuition (Walter 2010:191f., de Lacoste-Utamsing & Holloway 1982). Viele Autor*innen, auch andere Wissenschaftler*innen, berufen sich auf diese Studie und belegen damit Geschlechtsunterschiede vermeintlich biologisch. Allerdings ist es nicht so einfach. Zwei Forscher*innen schauten sich alle Studien zwischen 1982 und 1994 an, die sich, wenn auch nur entfernt, auf die Größe des Corpus Callosum beziehen lassen. Bishop und Wahlsten (1997) kommen dabei zu dem Ergebnis, dass die Forschung diese vermeintlichen Unterschiede nicht unterstützt. Das Splenium ist bei Männern und Frauen nicht unterschiedlich; Eine Spekulation über Auswirkungen entfällt daher. Es gibt allerdings eine Präferenz zur Publikation von Studien, die Unterschiede gefunden haben, die sich bspw. aus der zu geringen Anzahl von Testpersonen ergeben können.

Mal ganz davon abgesehen, dass in vielen dieser Studien nach einem Unterschied geforscht wird, der eventuell gar nicht sinnvoll belegbar ist. Viele der Studien zeigen nämlich, dass die Unterschiede innerhalb einer bestimmten Gruppe weitaus größer sind, als die Unterschiede zwischen diesen konstruierten Gruppierungen nach Geschlecht. Es ist außerdem nicht möglich zu beweisen, dass etwas nicht vorhanden ist. Und warum erforschen wir in einem Zirkelschluss, welche Unterschiede erwachsene Gehirne haben, um biologische Beweise für einen Geschlechtsunterschied zu finden, den wir uns genauso ‚selbst gemacht’ haben könnten – durch Sozialisierung?

Wenn man sich beispielsweise die Gruppe der Musiker*innen gegenüber Nicht-Musiker*innen anschaut, fanden Wissenschaftler*innen (wie Gaser & Schlaug), dass bestimmte Gehirnareale bei Musiker*innen größer sind. Teilweise Veranlagung, teilweise Anpassung an die Nutzung des Gehirns – so die Wissenschaftler. Das heißt, die ‚Sozialisierung’ als Musiker*in hat Einfluss darauf, wie das Gehirn aussieht. Außerdem zeigt es, dass sich ein Gehirn eben auch anpassen und verändern kann. Wichtige Punkte, die bei Geschlechtsunterschieden gerne vernachlässigt werden – man hätte es schließlich mit Sozialisierung zu tun.

Ähnlich verzerrt ist das Bild der Geschlechter im Bezug auf Sprachfertigkeiten. Eine Studie, die 10 Männer und 10 Frauen im Bezug auf Hirnaktivität beim Hören untersuchte, fand einen Unterschied in der Aktivierung bestimmter Hirnareale (der Großhirnrinde) bei den getesteten Personen – Männer aktivierten den linken Teil ihres Gehirns, bei Frauen war die Aktivierung über das Gehirn verteilt. In den Medien wurde dies stark publiziert und erklärte fortan nun, warum Männer nun einfach schlechter im Zuhören wären als Frauen. Die 14 anderen Studien, die insgesamt über 800 Personen testeten, fanden keinen signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen, wurden aber in den Medien nicht erwähnt (Walter 2010:193).

Zusätzlich bei all diesen Studien muss man sich auch die Frage stellen, ob wir überhaupt biologische Unterschiede untersuchen oder ob wir dabei von der Sozialisierung beeinflusst werden – nicht nur, weil wir keine ‚freien’ und ‚unsozialisierten’ Gehirne testen können. Selbst wenn wir versuchen Experimente mit Neugeborenen zu machen, sind manche Experimente bereits so sehr auf bestimmte Verhaltensweisen und Muster abzielend, dass sie gar nichts anderes mehr finden können. Selbst wenn diese Unterschiede im Gehirn vorhanden wären und wir in der Lage wären dies einwandfrei zu belegen, haben wir damit auch immer noch keinen Beweis gefunden, dass dies biologische Ursachen haben muss. Damit ist nicht gesagt, dass bestimmte Wissenschaftler*innen nun recht haben und andere nicht. Genauso kann man die Biologie nicht ausschließen, es gibt Prädispositionen, die wichtig sind. Genauso kann man dann aber Sozialisierung als Faktor nicht ausschließen, schon gar nicht, wenn man in Gruppen aufteilt, die auf dieser Sozialisierung beruhen.

Was passiert also, mit diesen vielen Studien, den vielen Ergebnissen und dem ganzen Wissen? Autor*innen suchen sich die Studien raus, die sie für sinnvoll halten. Dabei wird zum Einen die Wissenschaftlichkeit mancher Studien überhaupt nicht hinterfragt (Wer ist überhaupt getestet oder befragt worden? Stimmt die Statistik? Belegt die Studie wirklich, was sie zu belegen glaubt?). Zum Anderen werden bestimmte Ergebnisse in den Vordergrund gerückt, manche Studien bewusst nicht publiziert und der Fokus auf das gelenkt, was eventuell ein wissenschaftlicher Ausreißer sein könnte. Dabei wird natürlich vollkommen außer acht gelassen, dass es bei diesen vermeintlichen Unterschieden zwischen den Geschlechtern ohnehin nur um männlich oder weiblich geht und die Binarität nicht in Frage gestellt wird.

Was in den Medien ankommt, sind dann Aussagen, die zwar für eine kleine bestimmte Studie stimmen mögen, aber so dargestellt werden als wären sie ohne Weiteres auf alle Menschen übertragbar, hätten keine konkurrierenden Ergebnisse und vor allem als würden sie wirklich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern belegen, obwohl das bisher so kaum belegbar wäre. Männer vom Mars und Frauen von der Venus. Und den wissenschaftlichen „Beweis“ liefert man gleich mit – egal welche anderen Studien es dazu noch gibt. Ob man sich diese Unterschiede aber nicht eigentlich genau dadurch selbst konstruiert hat, wird dabei nicht hinterfragt. Schließlich belegt man ja gerade, dass es Biologie und nicht Sozialisierung ist, die die Ursache „allen Übels“ darstellt.

 

 

DR

 

 

Quellen [bzw. weiterführende Lektüre]:

Bishop, Katherine & Wahlsten, Douglas (1997). „Sex differences in the human corpus callosum: Myth or reality?“ Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 21: 581-601.

Cameron, Deborah (2007). The Myth of Mars and Venus. Oxford: Oxford University Press.

Fine, Cornelia (2010). Delusions of Gender. The Real Science Behind Sex Differences. London: Iconbooks.

Gaser, Christian & Schlaug, Gottfried (2003). „Brain Structures Differ between Musicians and Non-Musicians“ The Journal of Neuroscience, 23(27): 9240-9245.

Hines, Melissa (2004). Brain Gender. Oxford: Oxford University Press.

Liberman, Mark. Language Log Blog (im Speziellen: http://languagelog.ldc.upenn.edu/nll/?p=256)

Walter, Natascha (2010). Living Dolls – The Return of Sexism. London: Virago.

Vortragsankündigung: Gegendertes Gehirn – Wie weiblich und männlich sind zerebrale Strukturen?

Für den 30.11.2014 wurden wir vom Gendereferat der FH Düsseldorf eingeladen einen Vortrag in der Reihe „Ey Ulli!“ zu halten. Los geht´s um 17 Uhr im Café Freiraum. Wir freuen uns auf ein zahlreiches Erscheinen!

Hier schonmal unser Ankündigungstext:

Frauen können besser zuhören und Männer haben eine bessere räumliche Vorstellungskraft; Das sagen zumindest die Medien gerne und Bücher die sich mit diesen Themen befassen verkaufen sich wie warme Semmeln. Alle berufen sich dabei auf Forschung, die sich mit dem Gehirn beschäftigt. Doch was sagen diese neurologischen Studien eigentlich wirklich über unser Gehirn aus? Und wie genau befassen sich diese Studien überhaupt mit dem Gehirn? Manche Studien behaupten auch einen neurologischen Charakter zu haben, basieren aber nur auf Fragebögen. Eine gößrere Untersuchung unter diesen Studien werden wir uns im Vortrag genauer anschauen und uns selbst testen wie „weiblich“ oder „männlich“ unser Gehirn den Forscher*innen zu folge sein müsste. Des Weiteren werden wir erörtern, warum die Aussagen, die von dieser Studie getroffen werden nicht sonderlich sinnvoll und fundiert sind. Gibt es ein männliches Gehirn und wie unterscheidet es sich von einem weiblichen? Kann man Aussagen, wie sie in den Medien häufig reproduziert werden, Vertrauen schenken? Was weiß man bisher über das Gehirn? Mit diesem Vortrag wollen wir uns den genannten Fragen nähern und aufzeigen welche Schwäche die ganzen „Bestseller Studien“ haben.

(Wir werden übrigens alle notwendigen Fachbegriffe erläutern und eine Einführung in die Gehirnforschung & ihre Methoden an sich geben)